Zum Gedenken an Jochen Mass

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„Jochen Mass war nicht nur für mich ein wirklich lieber, herzensguter und treuer Freund“, sagte Rainer Braun, Motorsportkommentator, Streckensprecher und Fachjournalist anlässlich der Buch-Präsentation „Jochen Mass  –  Eine Rennsport-Ikone“ über einen der bekanntesten deutschen Motorsportler. Am 12. Dezember kamen auf Einladung der Trips-Stiftung und des Unternehmens Chateauform, Pächter und Betreiber des Seminar-, Tagungs- und Kongress-Hotels auf Burg Hemmersbach, mehr als 80 Gäste in den früheren, legendären Wohnsitz der Adelsfamilie Berghe von Trips in Kerpen-Horrem, um an Jochen Mass zu erinnern. 

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Stellvertretend für alle seine Freunde hatte Carsten Arndt, Moderator des Podcasts „Alte Schule“, schon im Mai dieses Jahres, unmittelbar nach Jochens Tod, geschrieben: „Lieber Jochen, es war mir eine Ehre, Dich zu kennen. Danke für die Geschichten, die Gespräche und die Freude, die Du uns Fans in Deinem Leben gemacht hast.

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Sabine Berthold und Elisabeth Bramerdorfer

Nach Eröffnung des Events durch die Hausherrin von Chateauform, vertreten durch Elisabeth Bramerdorfer, und einem „Herzlichen Willkommen“ von Sabine Berthold, Koordinatorin & Referentin im Management, begrüßte Moderator Prof. Dr. Frank Herrmann zahlreiche Motorsport-Prominente wie Hans Heyer, Christian Menzel, den Deutschen Meister im Historischen Automobilrennsport 2025, Lutz Richrath, seinen Bruder Peter, Rennarzt Dr. Karl Schuster, Rainer Braun, deutscher Motorsport-Chronist und enger Freund und Weggefährte von Jochen Mass, Motorsport-Reporter-Legende Jochen von Osterroth, die Rennsport-Fotografen Bodo Kräling, Jens Hoffmeister und Manfred Hogreve, den ehemaligen Team-Manager von Kremer Racing, Achim Stroth, die Präsidentin der Scuderia Colonia, Elke Hesseler, und Alex Geier sowie Sven Salzmann vom Kart-Club Kerpen e.V. im ADAC „Rennsportfreunde Wolfgang Graf Berghe von Trips“ -, außerdem Petra Kalkbrenner, frühere Bürgermeisterin der Gemeinde Swisttal, Ralf Zingsheim (Kommunalpolitiker), Peter Böhne, Redaktionsmitglied der „Trips-Ring-Zeitung“ sowie Dieter Kochs, stellv. Vorsitzender des „Horremer Sportvereins“ und Vertreter des Heimatvereins Kerpen.

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Prof. Dr. Frank Herrmann

Danach präsentierte Prof. Dr. Herrmann den Bildband „Jochen Mass“, den Grand Prix-Reporter Achim Schlang zusammen mit Jörg-Thomas Födisch, den Fotografen Ferdi und Bodo Kräling sowie dem Formel 1-Journalisten Hartmut Lehbrink verfasst hatte.

Födisch bedankte sich bei seinen Mitstreitern, aber auch bei Hans-Joachim Stuck, der das Vorwort schrieb – und bei Nils Ruwisch für die weitergehende Bild-Recherche, bei Rainer Roßbach, der den großformatigen Bildband gestaltete und ihn zusammen mit seinem Bruder Dieter in der prova edition verlegt hat. 

Födisch sprach auch den Personen seinen Dank aus, die zahlreiche, größtenteils unveröffentlichte Aufnahmen aus ihren Archiven für die Illustration zur Verfügung stellten: Bernard und Paul-Henri Cahier, Rainer W. Schlegelmilch, Wolfgang Wilhelm, Nils Ruwisch, Prof. Dr. Peter Schroeder, Franz Turnwald, Willi Weber, Rudi Schöttel (+), Björn Schlichting, Manfred Kistermann, Helmut Wittwer, Jochen von Osterroth sowie die Familie Bettina Mass.

In kurzen Worten ging Födisch im Weiteren auf die Rennkarriere von Jochen Mass ein: „1968 startete er in Alfa Romeo-Tourenwagen, stieg über die Super Vau, die Formel 3 und die Formel 2 in die Königsklasse des Motorsports, in die Formel 1, auf und wurde nach Ende seiner Grand Prix-Laufbahn Werkspilot bei Porsche und Mercedes-Benz.

Ein Ende, ohne aufzuhören

1992 schloss Mass seine aktive Karriere ab. Die sportliche Bilanz beeindruckt: mehr als 400 Rennen, davon 105 Starts in Großen Preisen zur Formel 1-WM, 71 Weltmeisterschaftspunkte, dem Sieg in der Deutschen Rennsportmeisterschaft, dem Titel des Tourenwagen-Europameisters, dem Championat im Porsche Cup, der Deutschen Sportwagenmeisterschaft und dem Gewinn des 24-Stunden-Rennens von Le Mans auf Sauber-Mercedes 1989.

Nach seiner Zeit als Profi im Motorsport blieb Jochen Mass der Rennszene als Kommentator, Berater und Zeitzeuge eng verbunden. Zudem war er regelmäßiger und gern gesehener Gast historischer Automobil-Veranstaltungen, bei denen er klassische Fahrzeuge von Porsche und Mercedes pilotierte. Zu diesen beiden Unternehmen pflegte er eine besondere Verbindung – als gefragter Gesprächspartner, Heritage-Botschafter und Brückenbauer zwischen Generationen. Ob bei Messe-Auftritten wie der Retro Classics, bei Oldtimer-Veranstaltungen oder Medien-Events von Porsche Historic und im Mercedes-Museum: Den originellen Jochen Mass-Geschichten lauschten Menschen aller Altersgruppen.

Der unvergessene Sir Stirling Moss beschrieb Jochen Mass einmal als einen Fahrer mit einem enormen Gefühl für Rennwagen und hohem Sachverstand, der mit der Renngeschichte aller Epochen vertraut war. So kam es auch, dass Mass für Mercedes-Benz Classic unter anderem an der Mille Miglia 2005 teilnahm – ein halbes Jahrhundert nach dem legendären Erfolg von Stirling Moss mit Beifahrer Denis Jenkinson auf Mercedes-Benz 300 SLR in diesem berühmten Straßenrennen. Moss sagte damals, Jochen sei für ihn ein Seelenverwandter.“

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Rainer Braun

Rainer Braun: gemeinsame Rennerlebnisse

Rainer Braun erinnerte sich in bewegenden Worten an Jochen Mass und erzählte über dessen Anfangszeit im Rennsport: „Jochen verbrachte seine ersten professionellen Rennjahre in Köln. In der Rhein-Metropole hatte sich in den frühen 70er-Jahren ohnehin eine Art Rennsport-Spaßgesellschaft zusammengefunden. Neben dem aus Mannheim als neuen Ford-Werkspilot für den Capri RS zugezogenen Jochen Mass wären da noch Super-Manager Domingos Piedade und die Ford-Motorsport-Generäle Jochen Neerpasch und Mike Kranefuss zu nennen. Und mittendrin war ich als Reporter-Neuzugang aus Wiesbaden. Jochen und ich kannten uns schon länger aus gemeinsamen Tourenwagen-Tagen – er fuhr einen Alfa GTA mit dem markanten Kennzeichen MA – JM 555 für den Rennstall seines Freundes und Förderers Helmut Hähn in Mannheim, ich startete auf einem BMW 2002 für den Koepchen-Rennstall aus Willich. Schon damals stand für mich fest, dass Jochen ein Supertalent war. Jochen wurde 1971 Ford-Werksfahrer in Köln und kam fast täglich auf einen Kurzbesuch bei mir in der Redaktion der Fachzeitschrift Auto Zeitung vorbei. 

Wir haben in diesen Jahren viel zusammen unternommen. So sind wir zum Beispiel 1972 nach Monaco gereist, wo er beim verregneten Formel 3-Grand Prix eines seiner besten Rennen ablieferte und vor den Augen der versammelten Teamchefs einen bleibenden Eindruck hinterließ. Ein Jahr später, als Jochen schon in der Formel 1 angekommen war, stand er zusammen mit Rolf Stommelen sogar nachts bei der Journalisten-Rallye rund um Monaco für mich als fliegende Servicestation bereit. Nicht zu vergessen die Saison 1971, wo Jochen und ich in der wilden Formel-Super V sogar Teamkollegen im Rennstall von Eberhard Winkler waren. In der Europameisterschaftsserie sind wir quer durch Europa gereist, Jochen fuhr fast alle Rennen und war natürlich nie zu schlagen. Sein Meisterstück lieferte er im Super V-Rennen vor dem Großen Preis von Deutschland ab, als er seinen Verfolgern innerhalb von sechs Runden um rund 20 Sekunden davonfuhr und als stolzer Sieger auf dem Podium stand.

1975 löste Jochen seinen Kölner Wohnsitz auf. Wegen seiner Formel 2- und Formel 1-Engagements haben wir uns im Laufe der Jahre dann immer seltener gesehen, aber nie aus den Augen verloren. Wenn wir uns bei einem Rennen mal wieder trafen, fragte er als erstes, wie es Frau und Tochter geht. Diese ehrliche Fürsorglichkeit war eine seiner so wertvollen Wesenszüge, die Befindlichkeiten anderer waren ihm stets sehr wichtig. Unsere beiden letzten Wiedersehen kamen im Mai 2013 zustande, er war einer meiner Interview-Gäste anlässlich der Gedenkveranstaltung 30 Jahre Stefan Bellof-Rundenrekord am Nürburgring. Und im September traf ich ihn nochmals als Ehrengast beim historischen Rossfeld-Bergrennen in Berchtesgaden, wo wir in alten Zeiten schwelgen konnten.“

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Dr. Karl Schuster

Jochens Zuflucht bei Rennarzt Dr. Karl Schuster

Dr. med. Karl Schuster, international bekannter Rennarzt, war einer der engsten Vertrauten von Jochen Mass. In ergreifenden Worten erinnerte Dr. Schuster an Jochen als einen seiner besten Freunde, sowohl während dessen aktiver Karriere als auch in den Jahren danach, denn Mass lebte ab 2009 – von Zeit zu Zeit  – im Haus von Dr. Schuster in Wirges im Westerwald.

Dr. Schuster: „Für mich war Jochen nicht nur einer der erfolgreichsten deutschen Rennfahrer, sondern auch einer der angenehmsten und reflektiertesten Charaktere, die ich je kennenlernte. Für mich war Jochen ein Mensch, der nie den Bezug zum Leben abseits des Rennsports verloren hat. Ich kann ohne jede Einschränkung sagen, dass Jochen für mich ein sehr verlässlicher und ehrlicher Freund war. Sein Tod schmerzt mich umso mehr, genau wie alle die, die ihn näher kannten.“ 

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Hans Heyer

Ehrengast Hans Heyer

Eigentlich waren auch Jochens damalige Rennfahrerkollegen Hans-Joachim Stuck und Dieter Glemser eingeladen, doch „Strietzel“ musste wegen eines Termins in Monte Carlo absagen und Dieter laborierte noch an einer Hüft-Operation. So stellte Prof. Dr. Herrmann als Ehrengast Hans Heyer vor: „Hans Heyer war 1973 Teamgefährte von Jochen Mass im Werksrennstall von Ford Köln. Heyer ist Deutschlands erfolgreichster Go-Kart-Pilot aller Zeiten, zweimal Vizeweltmeister, viermal Europameister und mehrfacher Deutscher und Holländischer Meister. Er holte sich zahlreiche Titel als Europa- und Vize-Europa-Meister im Tourenwagen. Er gewann mehrere 1000-Kilometer-Rennen, bestritt 13 Mal das 24-Stunden-Rennen von Le Mans, startete als Werksfahrer für nicht weniger als fünf internationale Automobil-Hersteller und war am Gewinn der Sportwagen-Weltmeisterschaft für Porsche und Lancia beteiligt. Er nahm sogar an einem Formel 1-Rennen teil und gewann 1986 mit einem MAN-Lkw die Rallye Paris – Dakar, eine nahezu einmalige und äußerst beeindruckende Karriere.“ 

Basis-Erlebnis Kart-Sport

Prof. Dr. Herrmann gab das Wort weiter an Sven Salzmann, Vizepräsident und Aktiver des Kart Klubs Kerpen (KCK). Salzmann startete international meist in der Schaltkart-Kategorie und nahm mehrmals an der Kart-Weltmeisterschaf teil. Der KCK-Repräsentant unterhielt sich mit Hans Heyer über dessen Einstieg vom Kart- in den Motorsport. Den interessierten Zuhörern wurde die stetige Entwicklung des Kartsports in den vergangenen 50 Jahren, in denen sich diese Sportdisziplin zu einer konkurrenzfähigen Form des Motorsports entwickelt hat, somit bestens vermittelt.

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Sven Salzmann und Hans Heyer

Heyer: „Meine Jahre im Kartsport waren eine lehrreiche Zeit für mich. Fast täglich wurde bis fast zwei Uhr nachts geschraubt, jede Woche haben wir bis zu zehn Motoren persönlich revidiert und auf einem selbst hergestellten Prüfstand getestet.

Ich erinnere daran, dass viele berühmte Fahrer wie Ronnie Peterson, Ricardo Patrese, Ayrton Senna, Michael und Ralf Schumacher, Sebastian Vettel, Lewis Hamilton sowie Keke und Nico Rosberg im Kartsport begonnen haben. Für sie war das Kart ein Sprungbrett auf der Karriereleiter in die Formel 1.“ Heyer ergänzte: „Ich kann jedem Motorsport-Interessierten nur raten, über den Kart-Sport anzufangen. Außerdem ist der Kartsport nicht nur den Profis vorbehalten, jeder kann in seiner Freizeit an dieser tollen Form des Motorsports teilnehmen und in die Rolle eines Rennfahrers schlüpfen.“ 

Kulinarische Pause

Chateauforms Küchenchef machte anschließend auch die Pause zum Erlebnis! Den Gästen wurden im ehemaligen Herrenhaus Tapas als kleine Appetithäppchen mit Getränken angeboten. Außerdem konnten sie sich auch die historische Bibliothek und diverse Räumlichkeiten des legendären Gebäudes von Burg Hemmersbach, in dem die Eltern von Wolfgang Graf Berghe von Trips bis Anfang der 1970er-Jahre wohnten, ansehen.

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Jochen von Osterroth im Gespräch mit Hans Heyer

Jochen über Jochen

Im zweiten Teil der Veranstaltung unterhielt sich Jochen von Osterroth, als so genannter „Medien-Guru“ seit Mitte der 1960er-Jahre im weltweiten Motorsport-Business unterwegs, mit Hans Heyer, aber nicht nur über Jochen Mass. Von Osterroth, ein guter Freund von Mass, schrieb regelmäßig über die Formel 1-Weltmeisterschaftsläufe, die internationalen Sportwagenrennen und gab bis 1971 wöchentlich für World News in Luxemburg einen Rennreport heraus. Als Profi fungierte er als deutschsprachiger Repräsentant im Vorstand der IRPA (International Racing Press Association) und der FISA-Press-Commission. Als Sport-Chef von rallye racing und Reporter für sid, dpa, das ZDF und Radio Luxemburg arbeitete er auch als Insider auf journalistischer Ebene.

Von Osterroth war später u.a. Team-Manager des Formel 1-Teams von Harald Ertl und half Fahrern wie Keke Rosberg, Didier Pironi und Stefan Bellof auf die Erfolgsspur in der Königsklasse des Motorsports. Zusätzlich koordinierte er die gesamten Motorsportaktivitäten der Zulieferfirma Kamei, war journalistisch weiterhin tätig und arbeite auch für Becker design in Nieder-Olm.

Heyer: „Fortkommen“ bei Ford

Von Osterroth: „Durch den Besuch vieler Rennen, vor allem auf dem Nürburgring, lernte ich schon früh bekannte Formel 1-Fahrer oder auch die Sport- und Tourenwagen-Spezialisten wie Jochen Mass, Hans Heyer, Dieter Glemser und Hans-Joachim Stuck kennen.“ Von Osterroth fragte Heyer: „Hans, wie bist Du eigentlich in den großen Rennsport eingestiegen, wie kamst Du zu Ford?“ Heyer: „Eines Tages, es war Ende 1972, bekam ich einen Anruf von Ford Köln und wenig später einen Werksvertrag, einschließlich einem Dienstwagen, wohlgemerkt! Ich vermute, der frühere Ford-Motorsport-Chef Jochen Neerpasch hatte mein sensationelles Rennen kurz zuvor beim Sauerland-Bergpreis bei Nuttlar gesehen, als ich vollkommen überraschend in einem Capri des Siegener Ford-Händlers Grab auf den siebten Platz kam. Die Capris waren damals schon das Maß aller Dinge, denn bei diesem Bergrennen lagen sie am Ende wieder einmal klar in Führung: Stuck vor Mass. Ford Köln sorgte aber schon vorher für Schlagzeilen, denn Jochen Mass hatte als Nachwuchsfahrer mit dem Capri RS auch den ersten Sieg Ende März 1971 in Zolder geholt. Sogar in den folgenden sieben Rennen gingen die ersten Plätze allesamt an Mass, 1972 gewann er mit dem Capri die Tourenwagen-Europameisterschaft und fuhr auch in der Europa-Bergmeisterschaft. Stuck wurde im gleichen Jahr für Ford Deutscher Meister. Neben Mass gehörten Glemser, Mohr und Formel 1-Profi Rolf Stommelen zum erweiterten Werksfahreraufgebot.

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1973 war ich also bei Ford, und das war das Jahr, das wohl den spektakulärsten Tourenwagensport des Jahrzehnts hervorbrachte. Ford und BMW betrieben ein unglaubliches Wettrüsten auf technischem Sektor. Ebenso atemberaubend wie die Duelle in der Tourenwagen-Europameisterschaft und im Deutschen Rennsport-Championat las sich die Liste der von den beiden Firmen verpflichteten Fahrer. Ford engagierte einen großen Teil der Grand Prix-Piloten der mit Cosworth-Motoren ausgerüsteten Formel 1-Teams, BMW sorgte werksseitig mit der Verpflichtung – über die BMW-Teams – mit weiteren Formel 1-Assen wie Niki Lauda, Chris Amon, James Hunt, Henri Pescarolo und Jacky Ickx für großes Aufsehen.

Mass mit „Muckies“ am Volant

Schon bald wurde ich mit den Assen Jackie Stewart, Emerson Fittipaldi, Jochen Mass, Dieter Glemser, Alex Soler-Roig und Gerry Birrell bei der Tourenwagen-Europameisterschaft und in Le Mans eingesetzt. Ich erinnere mich noch gut daran, dass uns allen die von Jochen Mass eingestellten Renn-Capris hingestellt wurden. Ich brauchte als jüngster Fahrer einige Zeit, um damit überhaupt einigermaßen gut fahren zu können. Der Jochen hatte mit seiner immensen Kraft die Autos so eingestellt, dass die Herren Formel 1-Piloten gar nicht damit fahren konnten. Ich sehe sie heute noch kopfschüttelnd im Nürburgring-Fahrerlager herumlaufen. 

Als ich 1973 bei Ford anfing, war Jochen Mass schon in die Formel 2 und in die Formel 1 aufgestiegen. Zusätzlich fuhr er den Capri in mehreren Läufen zur Tourenwagen-Europameisterschaft. Ich startete mit dem Capri auf dem Nürburgring und in Zandvoort, holte gute Platzierungen und fiel nur in Spa aus.“

In einen Grand Prix gemogelt

Von Osterroth: „Hans, welche speziellen Erinnerungen hast Du an deine damaligen Rennen?“ Heyer: „Mir wurde erstmals bewusst, wie gefährlich mein geliebter Sport war, denn unser Teamkollege Gerry Birrell verunglückte im Training zu einem Formel 2-Rennen in Rouen tödlich. Der Tod dieses sympathischen Schotten traf uns alle sehr hart. Da entschied ich für mich, möglichst keine Formel-Autos zu fahren. Bis auf wenige Ausnahmen bin ich mir in diesem Punkt treu geblieben.“

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Von Osterroth: „Hans, mit einer dieser Ausnahmen bist Du in der Formel 1 legendär geworden. Was ist 1977 beim Großen Preis von Deutschland 1977 in Hockenheim passiert?“ Heyer: „Ich stehe bereit, bin dritte Reserve beim deutschen Grand Prix. Patrick Neve war bereits abgereist und Emilio de Villota verpasste seine Chance, als Reservefahrer starten zu können, weil er wegen Motorproblemen in letzter Minute ausschied. Beide hatten nach dem Training noch vor mir gelegen. Wir Nichtqualifizierten befanden uns in erlesener Gesellschaft von Emerson Fittipaldi und Arturo Merzario.

Im Training gab’s Probleme, die Kupplung meines ATS war falsch verzahnt, wurde aber in Rekordzeit ausgewechselt. Ich ging wieder auf die Strecke, tastete mich an die Bremszonen heran. Mein Wagen lag Klasse. Doch irgendwas stimmte nicht.

11 000 Touren zeigte mein Drehzahlmesser an, dennoch rauschten die anderen an mir vorbei. Also wieder an die Boxen. Nach einigem Hin und Her fanden wir des Rätsels Lösung: Der Drehzahlmesser war nicht in Ordnung. Nachmittags kam ich bei halbfeuchter Strecke immerhin auf die gute Zeit von rund 1:58 Minuten. Im Abschlusstraining scherte aber hinten links die Halbwelle ab. Nach Behebung des Schadens blieben mir nur noch wenige Minuten zur Qualifikation übrig. James Hunt überholte mich. Als ich mich von ihm ein bisschen ziehen lassen wollte, kam mir Villota in die Quere und blockierte mich, und das in meiner einzigen und letzten Qualifying-Runde, denn ich hatte wegen der defekten Halbwelle nur noch diesen einen Versuch gehabt. 

So, das wär’s eigentlich mit meinem ersten Grand Prix-Rennen gewesen. Aber durch eine Kollision beim Start konnten Alan Jones und Clay Regazzoni das Rennen nicht aufnehmen. Schon vor Rennbeginn hatten die Schilderträger mit den Namen der Rennfahrer in der Startaufstellung, es waren damals Gokart-Fahrer, von denen ich die meisten kannte, eine Gasse zu meinem ATS und zur Strecke gebildet. Ich hatte mein Auto nämlich an einer strategisch günstigen Stelle im Vorstartbereich platziert und ihnen gesagt, wenn ihr von der Startaufstellung zurückkommt, stellt euch um meinen Wagen und gebt mir Sichtschutz. Und genauso passierte es dann. Die Schilderträger positionierten sich um meinen ATS.

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„Sperrt mich bis Jahresende!“

Dann, beim Fallen der Startflagge, kollidierten Clay Regazzoni in seinem Ensign und Alan Jones im Shadow – und schieden sofort aus. Auf wundersame Weise öffnete sich auf einmal die zwischen Fahrbahn und Vorstart installierte Leitplanke. Ich bin quer über die Boxengasse auf die Strecke gefahren und ganz normal über die Startlinie gebraust. Ich lag zwar am Ende des Feldes, war aber im Rennen. Das haben die Fans natürlich gemerkt und gejubelt, jetzt war ich der dritte deutsche Fahrer nach Hans-Joachim Stuck im Brabham-Alfa und Jochen Mass im McLaren. Die Rennleitung reagierte nicht. Sie hatte die Sache offenbar gar nicht mitbekommen. Ich hätte den Grand Prix vielleicht durchfahren können, aber in Runde neun ist das Schaltgestänge gebrochen. Bis dahin hatte ich in jeder Runde nur eine Sekunde auf die Top-5-Piloten verloren, darauf bin ich heute noch stolz. Das Abenteuer Hockenheim endete für mich ein paar Tage nach dem Rennen, als mein Telefon klingelte. In der Leitung war der legendäre Huschke von Hanstein und fragte mich, wie sollen wir dich jetzt bestrafen. Ich sagte ihm, sperrt mich bis Jahresende, ich fahre sowieso nicht mehr in dieser Saison.“

Mit der Aquila Marina über den Atlantik

Nur kurz ging Jochen von Osterroth auf sein Erlebnis mit dem Dreimast-Schoner „Aquila Marina“ von Jochen Mass ein. Osterroth: „Da ich noch Termine für unsere Fachzeitschrift rallye racing hatte und gerade erst von der Himalaya-Rallye in Indien zurückgekehrt war, sollte ich in Gran Canaria an Bord von Jochens Schiff gehen. In Höhe von Marokko hatte Jochen die Segel vor sich selbst streichen müssen. Er holte sich bei einem missglückten Segelmanöver einen Oberschenkel-Bruch und musste in eine Mannheimer Klinik ausgeflogen werden. Dort besuchte ich ihn noch kurz vor meinem Flug nach Gran Canaria. Mit Tränen in den Augen wünschte mir Jochen alles Gute. Die Überfahrt dauerte genau einen Monat.“

Trauer um Jochen Mass

Jörg-Thomas Födisch erinnerte in seinem Schlusswort an eine Mail, die er und Jochen von Osterroth im Dezember 2024 von Jochen Mass erhalten hatten. Mass schrieb im Hinblick auf die aktuelle Motorsport-Szene und resümierte: „Unsere Rennwelt hat sich sehr verändert. Und der schnöde Mamon verdirbt die Fahrer. Unnahbar und kurz angebunden sind sie, schade. Zumindest wie man es aus der Entfernung wahrnimmt. Aber, na ja, was soll man meckern, die Zeiten schreiten voran. Alles Gute für euch, Salve! Jochen Mass.“

Jochen Mass verstarb am 4. Mai 2025 im Alter von 78 Jahren im französischen Cannes. 

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Mit ihm verliert der Motorsport nicht nur einen besonderen Fahrer, sondern auch einen Menschen, der ihn geprägt – und mit Passion, Erfahrung und Präzision bereichert und inspiriert hat.

Stellvertretend für die Vielzahl der Menschen, denen Jochen Mass in bester Erinnerung bleibt, sind die nachstehenden Trauer- und Ehrenbekundungen:

„Die Nachricht über seinen Tod macht uns alle sehr traurig. Jochen Mass war ein Fahrer mit Tiefe. Einer, der das Auto lesen konnte wie wenige andere“, sagte Thomas Laudenbach, Leiter Porsche Motorsport. „Er hatte ein untrügliches Gespür für Technik und für all das, was ein Team stark macht. Mit ihm verlieren wir einen besonderen Fahrer und langjährigen Weg-Begleiter. Sein Vermächtnis reicht über Erfolge hinaus. Es lebt in Erinnerungen, in Erzählungen und in seiner Art, Motorsport zu denken. In Gedanken sind wir bei seiner Familie.“

Marcus Breitschwerdt, CEO Mercedes-Benz Heritage GmbH, erklärte in einem Statement: „Jochen Mass konnte mitreißend aus seiner langjährigen Karriere erzählen. Als Markenbotschafter war er für uns viele Jahre im Einsatz und begeisterte mit seiner zugewandten, freundlichen Art die Fans unserer Marke. Er bewegte unsere Klassik-Legenden mit immensem Wissen und Erfahrung. Den Austausch mit ihm habe ich stets geschätzt. Es war immer ein persönliches Highlight, mit ihm zusammen unsere Mercedes-Benz Renn-Ikonen auf die Straße zu bringen.“

Stefano Domenicali, Geschäftsführer der Formel 1: „Ich bin zutiefst traurig über die Nachricht, dass mein Freund Jochen Mass gestorben ist. Er hatte ein unglaubliches Leben im Herzen unseres Sports und er war ein wunderbarer Mensch, der das Leben umarmte und die Formel 1 liebte.“

Mass-Buch für wohltätige Zwecke

Nach der Frage- und Antwortrunde mit Hans Heyer kündigte Prof. Dr. Herrmann eine Charity für die Kinderkrebshilfe an. Die Autoren und Mitarbeiter des Jochen Mass-Buches spendeten den Erlös der an diesem Abend verkauften Exemplare zugunsten der Hilfsorganisationen „Stiftung RTL – wir helfen Kindern e.V.“ und der Deutschen Kinderkrebsstiftung.

Prof. Dr. Herrmann sagte zu den Gästen: „Ich möchte mich bei Ihnen noch einmal für Ihr großartiges Engagement bedanken. Dass wir spontan diese Spendenaktion durchführen konnten, ist einfach fantastisch und wird lange in Erinnerung bleiben. An erster Stelle sind es die Kinder der Heime, deren Leben wir damit vielleicht ein kleines Stück verbessern können.“

Die Fotos zur Untermalung der Gesprächsrunden stellte Nils Ruwisch mit bisher meist unveröffentlichten Aufnahmen aus seinem Privat-Archiv zur Verfügung, außerdem hatte er zusammen mit Rainer Rossbach eine großformatige Foto-Ausstellung gestaltet, die dem Eventraum „Emu“ ein besonderes Ambiente verlieh.

Gezeigt wurden auch zahlreiche Miniatur-Modelle wie der Ford Capri RS, die Porsche-Typen 935/78 („Moby Dick“), 956, 962 und der McLaren M26, alle von Jochen Mass gefahren. 

Aber auch Hans Heyers legendärer Kremer-Jägermeister-Carrera und der Zakspeed Capri von 1978 fanden das Interesse der Gäste.

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Christian Menzel

Am Rande vermerkt: Motive mit den Autogrammen von Hans Heyer und Christian Menzel waren ebenso gefragt wie eine Abhandlung über die Rennkarriere von Jochen Mass, Infos über die Trips-Stiftung und von Chateauform auf Burg Hemmersbach.

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Chateauform, bekannter französischer Hotelketten-Betreiber und seit 2017 Pächter von Burg Hemmersbach, führt in Europa mehr als 65 Häuser, die renommierten Unternehmen für Tagungen, Arbeitstreffen, Kongresse sowie Seminare zur Verfügung stehen. Auch unter der Ägide von Chateauform wird auf Burg Hemmersbach,früheres Domizil derer von Trips, weiterhin an die damaligen Bewohner – die gräfliche Familie Berghe von Trips und an den Rennfahrer Wolfgang von Trips erinnert. Zum wiederholten Male hat Chateauform der Trips-Stiftung die Möglichkeit geboten, eine Veranstaltung auf dem legendären Burggelände durchzuführen. 

Burg Hemmersbach wurde von Gräfin Thessa und Graf Eduard Berghe von Trips – den Eltern des 1961 in Monza tödlich verunglückten Rennfahrers – bis Anfang der 1970er-Jahre bewohnt. Ab Mitte der 80er-Jahre bis 1997 war die Burg der Firmensitz von Immobilienhändler Herbert Hillebrand, 2001 wurde die Wasserburg von den Unternehmern Helmut und Bernd Breuer erworben.

Text: Jörg-Thomas Födisch/Jochen von Osterroth/Juliane Klingele
Fotos: Manfred Hogreve/Jens Hoffmeister/Frank Kick/Kräling

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